„Ich würde gern mal mit Herrn Allen sprechen“

Kerstin Thielemann arbeitet seit 20 Jahren bei Allen & Overy in Frankfurt. Die Personalreferentin gibt Auskunft über britisch geprägte Unternehmenskultur, ahnungslose Anrufer, neue Kollegen – und Herausforderungen von heute.

  • Kerstin Thielemann

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Frau Thielemann, Sie kamen 1996 als Sekretärin zu Allen & Overy Deutschland. Warum fiel Ihre Wahl auf diesen Arbeitgeber?

Ein sehr wichtiger Grund war, dass es sich um eine britische Kanzlei handelte und Englisch offizielle Bürosprache war. Ich hatte Anfang der 90er-Jahre zwei Jahre in London gelebt – und ich mag die britische Arbeitskultur. Als ich zum Vorstellungsgespräch kam, saßen die Kollegen gerade beim Five o’clock Tea – ich wusste sofort, hier will ich hin.

Worin besteht denn der Unterschied zur deutschen Arbeitskultur?

Dass man in britischen Unternehmen jeden Mitarbeiter als Teil des Teams sieht, egal ob Partner oder Sekretärin. Ich hatte vorher für eine amerikanische Kanzlei gearbeitet – dort hatte man den Eindruck, dass selbst der Referendar auf die Assistentinnen herabschaut. In britischen Teams sind die Anwälte weniger exponiert. Bei Allen & Overy nannten wir uns anfangs alle beim Vornamen. Als der erste deutsche Anwalt dazukam, haben wir lange diskutiert, wie wir ihn anreden. Aber er wechselte von einer britischen Kanzlei zu uns, und einer seiner ersten Sätze war: „Sie können Peter sagen.“

Inwiefern waren auch die Arbeitsmethoden in den 90ern andere als heute?

Lacht. Damals lief zum Beispiel alles über Faxe – das kann man sich kaum noch vorstellen. Wir hatten sogar einen eigenen Server, mit dem man ein Fax an mehrere Empfänger gleichzeitig verschicken konnte. Das war wichtig für Transaktionen. Es gab eine Mitarbeiterin, die nur dafür eingestellt wurde, diesen Server zu bedienen.

Allen & Overy war in Deutschland damals deutlich kleiner …

Ja, ich war die neunte Mitarbeiterin. Anfangs kam es schon mal vor, dass der Partner Sandwiches für alle holte. Und manchmal riefen Leute an, die etwa wegen eines Verkehrsdelikts einen Anwalt suchten – und im Telefonbuch stehen wir ja sehr weit vorn. Die sagten dann: „Ich würde gern mal mit Herrn Allen sprechen.“ Und wenn ich sagte, Herr Allen sei verschieden, hieß es: „Dann eben mit Herrn Overy.“

Wie hat das Wachstum die Struktur des Unternehmens verändert?

Das ist ein gradueller Prozess. Irgendwann feierte man die Geburtstage nicht mehr mit allen, sondern in den Teams. Eine große Neuerung gab es 2000, als sich die Kanzlei Schilling, Zutt und Anschütz auflöste. Die Hälfte der Mitarbeiter kam zu uns. Das hat vieles verändert, nicht nur weil wir uns fast verdoppelten. Zum ersten Mal hatten wir auch ältere Kollegen in der Kanzlei. Sie bearbeiteten zudem andere Rechtsgebiete, wie zum Beispiel Arbeitsrecht oder Litigation. Es hat schon eine Weile gedauert, bis sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelte und wir nicht mehr sagten „die“ und „wir“.

Was war für Sie bisher das einschneidendste Erlebnis bei Allen & Overy?

Die Finanzkrise 2009 war ein schmerzhafter Prozess. Damals mussten wir uns erstmals von Mitarbeitern trennen. Es hat ein gutes Jahr gedauert, bis sich die Stimmung wieder drehte. Immerhin haben wir die ganze Zeit profitabel gearbeitet. Es stimmt nun mal: Anwälte haben immer zu tun. In der Krise verschieben sich nur die Geschäftsfelder: Mergers and Acquisitions wurden weniger, dafür gab es mehr Restrukturierungen.

Inzwischen hat sich die wirtschaftliche Situation grundlegend geändert.

Ja, heute besteht die größte Herausforderung darin, hervorragend qualifizierte Anwälte zu finden. Der Markt ist umkämpft, und die Einstellung der Absolventen hat sich deutlich verändert: Viele möchten zwar in einer Großkanzlei arbeiten, aber nicht mehr um jeden Preis. Heute kann es schon einmal passieren, dass die Rollen vertauscht sind und der Interviewpartner Werbung für die Kanzlei machen muss.

Wünschen Sie sich bisweilen, dass Allen & Overy in Deutschland noch so wäre wie zu Beginn?

Unsere Größe bringt viel Positives mit sich. Heute kann man auch einmal in ein anderes Team oder Büro wechseln, wenn man Lust auf etwas Neues hat. Außerdem können die Anwälte interdisziplinärer arbeiten. Aber wenn ich in unseren Büros in München, Hamburg und Düsseldorf bin, beneide ich die Kollegen manchmal darum, dass es dort noch so schön übersichtlich ist.